Corona bremst die Austrittswelle
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Das Erzbistum Köln schrumpfte von 1,9 Millionen Mitgliedern Ende 2019 auf 1,68 Millionen.

Analyse Die Kirchen verzeichnen einen geringeren Mitgliederverlust. Das ist aber nur Folge des Lockdowns – und die jüngsten Erschütterungen sind in der Statistik noch gar nicht enthalten. Eine Studie zweier Landeskirchen bringt ernüchternde Ergebnisse.

Von Benjamin Lassiwe

Beide großen Kirchen haben 2020 erheblich an Mitgliedern verloren. Jeweils fast 500.000 Menschen weniger zählen die Statistiken von Evangelischer Kirche in Deutschland und Deutscher Bischofskonferenz, die am Mittwoch veröffentlicht wurden. Noch 22,1 Millionen Menschen gehörten Ende 2020 der katholischen Kirche an, noch 20,2 Millionen einer evangelischen Landeskiche. Ende 2019 gab es noch 22,6 Millionen Katholiken und 20,7 Millionen Protestanten in Deutschland. bleibt die Zahl der Kirchenaustritte, wenn sie auch niedriger ist als im Rekordjahr 2019 – rund 440.000 Menschen traten 2020 aus einer der beiden großen Kirchen aus, der übrige Rückgang errechnet sich aus der Differenz von Sterbefällen und Taufen beziehungsweise Eintritten.

Auch im Rheinland sind die Zahlen deutlich: Das Erzbistum Köln schrumpfte von 1,9 Millionen Mitgliedern Ende 2019 auf 1,68 Millionen. Und die Evangelische Kirche im Rheinland zählte am Jahresende 2020 noch 2,4 Millionen Mitglieder, ein Jahr zuvor waren es 2,45 Millionen. Dabei ist zu beachten, dass 2020 das Corona-Jahr war: Weil Behörden und Gerichte lange geschlossen waren, ging die Zahl der Austritte ebenso zurück, wie die Zahl der Taufen sank, weil keine Taufgottesdienste mehr stattfanden. Die Austritte aus diesem Jahr, als die Amtsgerichte teils wochenlang im Voraus gebucht werden mussten, um überhaupt einen Austrittstermin zu bekommen, sind in der aktuellen Statistik noch gar nicht enthalten.

„Wir erleben in der Kirche eine tiefgreifende Erschütterung“, sagt der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Limburgs Bischof Georg Bätzing. Das müsse die Kirche sehr ernst nehmen. „Dazu gehört an allererster Stelle die gründliche Aufarbeitung der Fälle sexuellen Missbrauchs“, so Bätzing, „und dazu gehört die Frage nach Macht und Gewaltenteilung in der Kirche.“ Er wünsche sich deswegen sehr, „dass der Synodale Weg seinen Beitrag dazu leisten kann, neues Vertrauen aufzubauen“. Der Missbrauchsskandal und die Situation im Erzbistum Köln dürften zu den Hauptgründen gehören, warum Menschen 2020 im Rheinland der Kirche den Rücken kehrten.

Eine Studie der evangelischen Landeskirchen in Württemberg und Westfalen, die seit Dezember jeweils 40 Ausgetretene pro Monat nach den Motiven für ihren Kirchenaustritt befragt haben, ergab, dass es gerade bei jüngeren Menschen völlig andere Gründe gibt: Knapp 75 Prozent erklärten, sie könnten ihren Glauben auch ohne die Kirche leben, und nannten die Kirchensteuer als einen Hauptgrund. 37 Prozent der Ausgetretenen ärgerten sich über kirchliche Stellungnahmen, 27 Prozent über politische Äußerungen der Kirche. „Für die Befragten unter 40 Jahren waren es vor allem der Glaubensverlust und eine Nutzen-Abwägung, die zum Kirchenaustritt führten“, heißt es.

Im Klartext: Gerade bei jüngeren Menschen fehlt es auch an einem Bewusstsein dafür, wieso sie überhaupt noch in der Kirche sind. Und für einen Verein, von dem man nicht recht weiß, warum man überhaupt noch dabei sein soll, ist die Kirche schlicht zu teuer: Menschen mit einem zu versteuernden Jahreseinkommen von 70.000 Euro zahlen über 1000 Euro Kirchensteuer pro Jahr. Wollen die beiden großen Kirchen solche „Kosten-Nutzen-Überlegungen“ verhindern, müssen sie deswegen von sich und ihren Angeboten überzeugen. Sie müssen – wie es der rheinische Präses Thorsten Latzel ankündigte – neu auf die Menschen zugehen, erreichbar und präsent sein. Beispiele für Pilotprojekte finden sich in Hamburg und Berlin: Dort gibt es ein „Segensbüro“ und eine „Ritualagentur“, bei der Interessierte, die keinen Kontakt mehr zu einer Ortsgemeinde haben, einen Pastor etwa für eine Taufe, Trauerfeier oder Hochzeit buchen können.

Ohnehin trennte sich im letzten Jahr die Spreu vom Weizen. In der Corona-Krise überboten sich manche Gemeinden geradezu in Online-Andachten, gestreamten Gottesdiensten, Seelsorgeangeboten und Nachbarschaftshilfen. Gerade in der Krise standen sie an der Seite der Menschen. Doch von denen, die Verantwortung tragen, wird gerne übersehen, dass es auch die anderen Gemeinden gab: Pfarrer und Presbyterien, die völlig überfordert waren und deren einzige Leistung in der Krise darin bestand, alle Veranstaltungen ihrer Kirche abzusagen und sich ansonsten schweigend zurückzuziehen. Und dass Menschen, die zu einer Gemeinde gehören, die gerade in der Krise versagt, keinen Sinn mehr in einer Kirchenmitgliedschaft sehen, wird man ihnen nicht verdenken können.